Geschichte

Die folgenden Texte stammen aus dem Artikel Damals und Heute der 1. Finther Kerbezeitung aus dem Jahre 1999. Sie wurden von uns leicht abgewandelt und im Original von Thomas Mathes verfasst.

Damals und Heute

Ein ganz wichtiger Bestandteil unserer Finther Kerb ist der Kerbejahrgang.
War es früher so, dass die Kerb von der jeweiligen Verwaltung eines Ortes organisiert wurde, so übernahmen im Laufe der Zeit zuerst 20 jährige Burschen, die vor dem Militäreinzug standen, dann gemischte Jahrgänge (ebenfalls 20 Jährige) die Gestaltung.

Heute ist eine Kerb ohne Jahrgang kaum noch vorstellbar, denn er trägt einen großen Teil zum guten Gelingen bei und lässt Brauchtum und Tradition jedes Jahr wieder neu aufleben. Brauchtum und Tradition, darüber möchten die nun folgenden Artikel ein klein wenig Auskunft geben.

Kirchweih und Kerb

Das Volksfest Kerb erinnert an den Weihetag der katholischen Pfarrkirche St. Martin. Seit dem 9. Jahrhundert hat es sich eingebürgert, die Feier der Kirchweihe nicht nur mit einem festlichen Gottesdienst zu begehen, sondern auch auf einem Festplatz einen Jahrmarkt mit Tanz und allerlei Attraktionen zu veranstalten. Was wir heute als Schausteller bezeichnen, das war früher das fahrende Volk, waren die Gaukler und Feuerschlucker.

Seit der Weihe der Kirche durch den Weihbischof Edmund Gedult von Jungenfeld im Jahre 1723 wurde die Kirchweih im August gehalten. Dieser Termin schmeckte den Finthern damals allerdings nicht so, da die Ernte auf den Feldern noch voll im Gange war und zum Feiern die Zeit fehlte. Die Pfarrkirche mit ihrer heutigen Gestalt wurde am 7. September 1854 durch den Bischof von Ketteler geweiht. Dadurch hat sich der heutige Termin, immer der Sonntag nach Mariä Geburt (8. September), für die Feier der Finther Kerb ergeben.

In anderen Gegenden wird die Kerb auch Kirchmesse, Kirmes, Kirmse, Kirbe, Kerbe, Kerwe, Kermes oder Kirta, in der Schweiz Kilbe oder Chilbi genannt.

Katholische Pfarrkirche St. Martin, Mainz-Finthen. Foto: Ingo Schlösser

Kerbetanz und Kerbeplatz

Schon von jeher erfreute sich der Kerbetanz großer Beliebtheit. Als es noch kein Bürgerhaus gab, luden die Gasthäuser zum Jungenfeldschen Garte und zur Goldenen Krone mit ihren Tanzsälen zum Kerbetanz ein. Der Jungenfeldsche Garten befand sich auf dem heutigen Parkplatz in der Jungenfeldstraße. Dieser Parkplatz, auch Juxplatz (Jux: vom lat. iocus = Spaß; daher kommt in der Fastnacht auch die Bezeichnung Gott Jokus) genannt, ist der Vorgänger von unserem heutigen Kerbeplatz auf dem Bürgerhausparkplatz, jetzt Rodenecker Platz. Die Goldene Krone existiert leider auch nicht mehr. Sie hatte ihren Standort in der Flugplatzstraße zwischen dem Gasthaus-Hotel Adler und dem Hotel-Restaurant Kaiserstübchen (heute Pension Alt-Finthen). Der Saalbau der Goldenen Krone war einer der größten in Rheinhessen.

Der Kerbebaum

Zu Zeiten des Juxplatzes in der Jungenfeldstraße stand der Kerbebaum vorne am Dalles (Ortsmittelpunkt, dort wo Poststraße und Kirchgasse zusammentreffen). Heute steht er direkt auf dem Kerbeplatz. Der Kerbejahrgang holt diesen am Kerbesamstag früh morgens aus einem der umliegenden Wälder. Für die Aufstellung ist das Mainzer Grünamt verantwortlich. Geschmückt wird der Kerbebaum mit einem Kranz. Kränze waren schon immer ein Zeichen der Krönung. Der gekrönte Baum weist auf etwas außergewöhnliches hin: Es wird ein Fest gefeiert, das nur einmal im Jahr stattfindet.

An den Kranz hängt der Kerbejahrgang die traditionelle Leibspeise aller Mainzer: Weck, Worscht unn Woi.
Außer der guten Flääschworscht und dem Woi, ist allein schon der Weck etwas Besonderes. Es muss nämlich ein Paarweck sein, auch Wasserweck genannt, da der Teig mit Wasser und nicht mit Milch angerührt wird. Zwei gleich große Teile Teig sind so zusammengebacken, dass sich das Endprodukt in der Mitte verengt.

In Carl Zuckmayers Fröhlischem Weinberg kann man zum Paarwegg folgendes lesen:
„In Frankfurt on de Egg, do wohn de Begger eck. Der streckt soin Hinnern zum Fenster enaus un säht, es wär en Wegg.“

Übrigens stärkt sich der Kerbejahrgang immer wieder zwischen seinen Aktionen mit der Mainzer Leibspeis.
Der Kerbebaum kann jedes Jahr ersteigert werden.

Der Historische Weckruf

„Noch bevor sich de‘ erste Finther rührt, der Heine sein‘ Hund die Poststroß nuff führt. Noch bevor die Katha macht ihr erst Babbelsche, irgend ‚en Kleene sei erst Rappelsche. Da steht der Jahrgang schunn uff de‘ Matt, weil er e‘ wichtig Aufgab‘ zu erfülle hat.“
Und so zieht der Jahrgang am Sonntag in der Frühe durch Finthen, um die Bevölkerung zu wecken und zur Kerb einzuladen. In der Zeit des Mittelalters führte der Nachtwächter, dessen Amt zu den ältesten der deutschen Städte gehörte, diesen Weckruf durch. Vor vielen Jahren gab der Fastnacht- und Brauchtumsverein Die Finther Freiherrn und Freifrauen, der den Weckruf auch musikalisch begleitet, die Anregung, wieder einen Nachtwächter einzusetzen.
Diese Rolle übernimmt nun immer die oder der erste Vorsitzende eines Jahrgangs. An sechs bestimmten Punkten im Ort (früher: Dalles, Oberpforte-Ecke Gashaus Adler, Krimm-Ecke Layenhof/Henry-Dunant-Str., Borngasse, Unterpforte/Am Kühweg-Waldthausenstr., Prunkgasse) wird halt gemacht und der Nachtwächter lässt den Weckruf mit lauter Stimme erschallen:
„Liebe Finther lasst Euch sagen, die Uhr, die hat schon sechs geschlagen. Ich will Euch nit erschrecke‘, sondern nur vum Schlaf uffwecke‘. Das Tagewerk soll jetzt beginnen, der Jahrgang wird ein Liedchen singen. Finther Mädcher, Finther Bube‘, wir wolle Euch zur Kerb heut‘ rufe‘. Opas, Omas und auch Tanten und die ganzen Anverwandten. Die Kerb die soll hoch leben, darauf müsst Ihr einen heben.“ Der Jahrgang ergänzt nun den Weckruf mit traditionellen Schlachtrufen wie: „Wem gehört die Kerb? Unser…“

Leider gab es auch schon Mitmenschen, die sich dadurch gestört gefühlt haben. Ganz anders der Apotheker Rudolf Falk. Seit drei Jahren schon steht er wartend vor seiner Apotheke (Ecke Poststraße/Waldthausenstraße) und hält für den Jahrgang eine Stärkung bereit. Vor allem der frische Kaffee ist wichtig, denn er soll verhindern, dass nach durchgemachter Nacht, im anschließendem Gottesdienst, das eine oder andere Nickerchen gehalten wird.

Das Schnorren

Wenn ich schnorre, heißt das ja eigentlich, dass ich auf Kosten anderer lebe. Im Brauchtum aber darf man dies nicht so eng sehen. Geschnorrt wird vor allem an Fastnacht, aber auch an Kerb. Der Kerbejahrgang geht am Kerbemontag schnorren, um sich seine Jahrgangskasse ein bisschen aufzubessern, denn die Feier der Kerb hat Geld gekostet. Er zieht durch die Straßen, hält Autos an, bittet die Geschäftsleute um einen kleinen Zuschuss. Naturalien werden auch gerne genommen. Der Besuch der Schulen darf auch nicht fehlen, um sich den Schülerinnen und Schülern vorzustellen. „Abkassiert“ werden nur die Lehrkräfte.

Die Finther Hauptschule wurde 1971 auf den Lerchenberg verlagert. Der damalige Kerbejahrgang 1971/72 wollte aber unbedingt die dort einquartierten Finther Schülerinnen und Schüler besuchen. Die Frage war: Wie kommen wir am besten in angeschlagenem Zustand und zeitgünstig zum Lerchenberg? Die Lösung: Bernd Blum (von einem älteren Jahrgang) verfügte damals über einen alten Mercedes-Lkw, genannt Grüner Bomber. Kurzerhand erklärte er sich bereit den Kerbejahrgang zu kutschieren. Also ging es los. Die Ladefläche ausgestattet mit Biergarnituren und Proviant. Das Besondere war: Bernd fuhr sein altes Gefährt mit einem Gipsfuß.

Montags abends geht die schnorrtour dann durch die ansässigen Wirtschaften. In anderen Ortschaften wird schon vor der Kerb für die Bestückung des Kerbekranzes geschnorrt. Der Kranz hängt dann mit allerlei Dingen aus den haushalten und Geschäften voll und darf nach der Kerb von den Kindern geplündert werden. Zu früheren Zeiten gab es Sprüche, die beim Schnorren aufgesagt wurden, wie z. B. der bekannte Spruch: „…Drowwe in der Ferschte, hänge lange Wärschte. Geb m’r vunn de lange, loß die korze hange, bis ich wirrer komme. Drowwe im Hinkelhaus, steht e Korb voll Eier. Gebb m’r Stücker zeh, die Hinkel könne wirrer frische lehe. Petrus is‘ de stärkschte Mann, der de‘ Himmel schließe kann. Schließ en noore gleiche, de Arme wie de Reiche. Stell‘ die Läter an die Wand, schneid e Stück Speck ab, siwwe Ehle lang, siwwe Ehle lang. Ich bin der kleine König, geb m’r net so wenig. Loß mich net so lange steht, ich muss e Heis’che weirer geh.“

Logo des Kerbejahrgangs 1971/72

Leberknödelessen und Kerbebeerdigung

Traditionell bieten die Finther Gastronomen am Kerbedienstag ihre hausgemachten Leberklöße mit Kartoffelbrei und Sauerkraut an. Durch dieses Gericht gestärkt bereitet sich der Jahrgang am Abend ganz langsam auf den Abschied von der schönen Finther Kerb vor.
Dann ist es soweit: Der krönende Abschluss, die Kerbebeerdigung, steht bevor. Im Trauerzug, mit Fackeln bestückt, zieht der Jahrgang nach 23:00 Uhr durch das Ort. Im Anschluss wohnt er der Beerdigung, die zeremoniell vom Kerbepfarrer ausgeführt wird, auf dem Kerbeplatz bei. Die Kerb wird übrigens in Form einer „lebenden Leiche“ (Jahrgangsmitglied) beerdigt.
Während der Beerdigung kommen quälende Fragen auf: Ist jetzt alles aus? Gibt es wieder eine Kerb? Und in dieser Sache bin ich mir ziemlich sicher: Nächstes Jahr gibt es bestimmt wieder einen Kerbejahrgang, der die Kerb zum neuen Leben erwecken wird!