Die wirklich schönsten Erinnerungen sind die, bei denen man immer noch lachen muss, wenn man daran zurückdenkt. Das ist auch so mit den Geschichten rund um die Finther Kerb.

Da gibt es mit Sicherheit viele Geschichtchen rund um die Kerb wie "Weißt Du noch, wir waren dabei als dem Pfarrer auf der Kerb...." oder so ähnlich.

Wer etwas auf Lager hat, schicke es an uns, wir stellen es in dieses Buch rein. Es wäre doch schade, wenn schöne Erinnerungen verblassen.

 
 
Kerb (Kirchweih)

 Bis Ende des 2. Jahrhunderts wurden Gottesdienste meist in Privaträumen abgehalten und Gebetsräume besaßen lediglich einen provisorischen Charakter. Nach und nach entstanden mit staatlicher finanzieller Unterstützung zahlreiche neue Kirchen. Wurde eine Kirche als Gotteshaus in Dienst genommen, nach Neubau oder nach Renovierung, gab es den Akt der festlichen Weihe, durch den die Gemeinde das Haus zum liturgischen Gebrauch erhielt.

 Diese „Weihe“ erfolgte durch den Ortsbischof oder einen eingesetzten Vertreter, das Haus erlangte eine besondere Würde und wurde mit einem Fest, das dann jährlich als „Kirchweihfest“ wiederkehrte, abgeschlossen.

 Irgendwann wurde die Wiederkehr der „Kirchweihe“ nicht nur mit Gottesdiensten gefeiert, sondern auch mit einem Jahrmarkt verbunden. Dann dauerte es nicht mehr lange, bis sich auch Gaukler, Wahrsager, Feuerfresser und anderes fahrendes Volk zu der inzwischen mehrtätigen „Kirmes“ (abgeleitet vom Wort „Kirchenmesse“), einfanden.

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 Diese Feste fielen oft in die Erntezeit, was vielen Bauern gar nicht passte. Auch kam es bei derartigen Anlässen häufig zu Prügeleien, Besäufnissen und ähnlichem und so drängte nicht nur die Kirche darauf, die Kirmes von den Kirchweihtagen zu trennen.

 Das hat sich aber (Gott sei Dank) nicht durchgesetzt.

Finther Kerb

 Johann Edmund Freiherr Gedult von Jungenfeld, Erbauer und Besitzer des „Jungenfeld´schen Herrenhaus“ in Finthen, weihte als Weihbischof des Bistums Mainz „in partibus Rheni“ im Jahr 1723 die Pfarrkirche in Finthen zum ersten Mal. Das Kirchweih-Fest mit allen Ereignissen wurde damals im August gehalten.

 Den Finther Bauern gefiel das nicht, lag an den Fest- und Kirmestagen nicht nur die Arbeit brach, so kam es oft und nicht nur bei den Erntehelfern und Gesinde zu Ausfällen.

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Es gab viele Bestrebungen das Fest zu verlegen, alleine die Kirchoberen ließen nicht mit sich reden, die Hintergründe der Weigerungen liegen im Dunklen.

 Die Probleme und das Unbehagen lösten sich dadurch auf, dass 1852 die alte Finthener Kirche einem Neubau weichen musste.

  Dieses Haus wurde am 7. September 1854 durch den Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler (auch als Arbeiterbischof bekannt) geweiht. Seitdem wird die das hiesige Kirchweihfest, die Finther Kerb, immer am Sonntag nach Mariä Geburt (8. September) gefeiert.

  Damit konnten auch die Finther Bauern leben.

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Bräuche und Sitten

 Die Obrigkeit und ihre örtlichen Vertreter spielten eine große Rolle bei der Eröffnung und beim Ablauf der Festlichkeiten. Zur Eröffnung versammelten sich die Jugend des Ortes, der Schulmeister, ein Amtsknecht und weitere Offizielle in einem Wirthaus, um sich von dort zum Festplatz und zum Kerbebaum zu begeben, damit der „Kirchweihschutz“ bekannt gemacht werden konnte (aber dazu später mehr).

Kerbetanz und Kerbeplatz

 Schon von jeher erfreute sich der Kerbeplatz großer Beliebtheit. Als es noch kein Bürgerhaus gab, luden die Gasthäuser zum „Jungenfeldschen Garten“ und zur „Goldenen Krone“ mit ihren Tanzsälen zum Kerbetanz ein.

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 Der „Jungenfeldsche Garten“ befand sich auf dem heutigen Parkplatz in der Jungenfeldstraße. Dieser Parkplatz wurde auch „Juxplatz“ (Jux von lat. Iocus = Spaß; daher kommt in der Fastnacht auch die Bezeichnung „Gott Jokus“!) genannt.

 Die „Goldene Krone“ existiert leider auch nicht mehr. Sie hatte ihren Standort in der Flugplatzstraße zwischen dem Gasthaus-Hotel „Adler“ und dem Hotel-Restaurant „Kaiser- stübchen“. Der Saalbau der „Goldenen Krone“ war einer der größten in Rheinhessen.

 Heute ist der „Rodeneck Platz“ bei uns in Finthen die zentrale „Festmeile“ und lockt zahlreiche Besucher, nicht nur aus der näheren Umgebung zur Finther Kerb und zu anderen Veranstaltungen an.

 Der Platz ist nach der Finther Partnergemeine Rodeneck benannt, die mit annähernd ca. 1000 Einwohnern auf einer Hochfläche in 850 bis 1200 m über dem Eisacktal am Eingang zum Pustertal in Südtirol liegt.

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Der Kerbebaum (früher und heute)

 Der Kirchweih- oder Kerbebaum war bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch das Rechtszeichen für den Kirchweihschutz und Garant für einen friedvollen Ablauf des Kirchweihfestes. Zur Eröffnung des Festes wurde unter dem Baum das Friedensgebot, der sogenannte „Kirchweihschutz“, verlesen.

 Die Bürgerinnen und Bürger wurden zu Frieden und Einigkeit verpflichtet – unter Androhung schärfster Strafen bei Missachtung. Außerdem behielt man sich vor, zu entscheiden, wer seine Stände auf dem Platz aufstellen durfte, und kontrollierte ein letztes Mal die Gewichte und Maße der Wirtsleute.

 Mit einem akkustischen Signal und dem dreimaligen Anstoßen auf die Obrigkeit, es ist nicht überall überliedert, wer die hierzu nötigen Getränke lieferte, konnte das Fest dann beginnen. Zu Anfang noch gesittet mit Hut und Gehstock und...

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  Auch heute ist der Kerbebaum noch die zentrale Stelle. Zu Zeiten des „Juxplatzes“ in der Jungenfeldstraße stand der Kerbebaum am „Dalles“ (Ortsmittelpunkt, dort wo Poststraße und Kirchgasse zusammen treffen). Heute steht er direkt auf dem Kerbeplatz.

 Der Kerbejahrgang holt den Kerbbaum am Kerbesamstag früh morgens aus dem Budenheimer Wald und muss dann dafür sorgen, dass er - dies ist ein ungeschriebenes Gesetz – bis 12 Uhr aufgestellt ist. Geschmückt wird der Kerbebaum mit einem Kranz. Kränze waren schon immer ein Zeichen der Krönung. Der „gekrönte Baum“ weist auf etwas Außergewöhnliches hin:

 Es wird ein Fest gefeiert, das nur einmal im Jahr stattfindet. An den Kranz hängt der Kerbejahrgang die raditionelle Leibspeise der Mainzer: Weck, Worscht unn Woi.

 Der Kerbebaum wird während der Kerb meistens versteigert.

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Der historische Weckruf

„Noch bevor sich de’ erste Finther rührt, der Heine sein’ Hund die Poststroß nuff führt. Noch bevor die Katha macht ihr erst Babbelsche, irgend’ en Kleene sei erst Rappelsche. Da steht der Jahrgang schunn uff de’ Matt, weil er e’ wichtig Aufgab’ zu erfülle hat“:

 Und so zieht der Jahrgang am Sonntag in der Frühe durch Finthen, um die Bevölkerung zu wecken und zur Finther Kerb einzuladen.

 In der Zeit des Mittelalters führte der Nachtwächter, dessen Amt zu den ältesten der deutschen Städte gehörte, diesen Weckruf durch.

 Vor einigen Jahren gab der Fastnachts- und Brauchtumsverein „Die Finther Freiherrn und Freifraun“, der den Weckruf auch musikalisch begleitet, die Anregung wieder einen Nachtwächter einzusetzen.

 Diese Rolle übernimmt nun immer die oder der erste Vorsitzende eines Kerbejahrgangs.

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 An sechs bestimmten Punkten im Ort
- Dalles,
- Oberpforte Ecke Gasthaus „Adler“,
- Krimm-Ecke Layenhofstraße/Henry-Dunant-Straße,
- Borngasse,
- Unterpforte/Am Kühweg-Waldthausenstraße,
- Prunkgasse
wird haltgemacht und der Nachtwächter lässt den Weckruf mit lauter Stimme (damit ihn auch jeder höre und aufwacht) erschallen:

„Liebe Finther lasst Euch sagen,
die Uhr, die hat schon sechs geschlagen.
Ich will Euch net erschrecke´,
sondern nur vum Schlaf uffwecke´.
Das Tagewerk soll jetzt beginnen,
der Jahrgang wird ein Liedchen singen.
Finther Mädcher, Finther Bube´,
wir wolle Euch zur Kerb heut´ rufe´.
Opa´s, Oma´s und auch Tanten
Und die ganzen Anverwandten.

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Die Kerb, die soll hochleben,
darauf müsst ihr einen heben.“

Der Jahrgang ergänzt den Weckruf mit traditionellen Schlachtrufen wie:

„Wem gehört die Kerb? Unser…“

 Leider gab es auch schon Mitmenschen, die sich dadurch gestört gefühlt haben.

 Ganz anders der Apotheker Rudolf Falk. Seit mehreren Jahren steht er wartend vor seiner Apotheke (Ecke Poststraße/Waldthausenstraße) und hält für den Jahrgang eine Stärkung bereit. Vor allem der frische Kaffee ist wichtig, denn er soll verhindern, dass nach durchgemachter Nacht im anschließenden Gottesdienst das ein oder andere „Nickerchen“ gehalten wird.

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Das Schnorren

 Wenn ich „schnorre“, heißt das ja eigentlich, dass ich auf Kosten anderer lebe. Im Brauchtum darf man dies nicht so eng sehen. Geschnorrt wird vor allem an Fastnacht, aber auch an der Kerb.

 Der Kerbejahrgang geht am Kerbemontag schnorren, um sich seine Jahrgangskasse ein bisschen aufzubessern, denn die Feier der Kerb hat Geld gekostet.

 Er zieht durch die Straßen, hält Autos an, bittet die Geschäftsleute um einen kleinen „Zuschuss“. Naturalien werden auch gerne angenommen. Der Besuch der Schulen darf auch nicht fehlen, um sich den Schülerinnen und Schülern vorzustellen. „Abkassiert“ werden nur die Lehrkräfte. Montags abends geht die Schnorrtour dann durch die ansässigen Wirtschaften.

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 Zu früheren Zeiten gab es Sprüche, die beim Schnorren aufgesagt wurden, wie z. B. der bekannte Spruch:

„Drowwe in der Ferschte,
hänge lange Wärschte.
Geb m´r vunn de lange,
loss die korze hange,
bis ich wirrer komme.
Drowwe im Hinkelhaus,
steht e Korb voll Eier.
Gebb m´r Stücker zeh,
die Hinkel könne wirrer frische lehe.
Petrus is´ de stärkschte Mann,
der de Himmel schließe kann.
Schließ en noore gleiche,
de Arme wie de Reiche.
Stell´ die Läter an die Wand,
schneid e Stück Speck ab,
siwwe Ehle lang.

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Ich bin der kleine König,
geb m´r net so wenig.
Loß mich net so lange steh,
ich muß e Heis´che weirer geh.“

Leberknödelessen und Kerbebeerdigung

 Traditionell bieten die Finther Gastronomen am Kerbedienstag ihre hausgemachten Leberklöße mit Kartoffelbrei und Sauerkraut an.

 Durch dieses Gericht gestärkt bereitet sich der Kerbejahrgang am Abend ganz langsam auf den Abschied der schönen Finther Kerb vor.

 Dann ist es soweit: Der krönende Abschluss, die Kerbebeerdigung steht bevor. Im Trauerzug mit Fackeln bestückt, zieht der Jahrgang nach 23 Uhr durch das Ort.

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 Irgendwann kommt der Trauerzug auf dem Kerbeplatz an und die Beerdigung kann vollzogen werden. Der Kerbejahrgang wohnt der Bestattung, die zeremoniell vom Kerbepfarrer ausgeführt wird, je nach Stimmungslage, heiter, nachdenklich oder traurig, bei.

 Während der Beerdigung kommen quälende Fragen auf: Ist jetzt alles aus?

 Gibt es wieder eine Kerb?

 Und in dieser Sache sind sich immer alle sicher: Nächstes Jahr gibt es bestimmt wieder einen Kerbejahrgang, der die Kerb zu neuem Leben erwecken wird.

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